Samstag, 6. Juli 2013

Anime und Manga - Realitätsflucht?


Der Titel mag jetzt vielleicht ein wenig provokant gestellt sein, aber ich habe ihn bewusst so gestellt, weil ich gerne mit euch darüber diskutieren möchte. Schließlich ist mir diese Frage erst dann aufgekommen, als ich in der Öffentlichkeit mit Mangas gesehen wurde und das hat mich ein wenig zum selbst kritischen Nachdenken angeregt...

Alles begann als ich vor knapp 3-4 Jahren auf einen Ausflug mit meiner damaligen Klasse unterwegs war. Um mir die Pausen ein wenig angenehmer und unterhaltsamer zu machen, habe ich ein paar Mangas mitgenommen (sogar neu gekaufte), in die ich mal reinschauen wollte. Auf einmal stand meine damalige Klassenlehrerin vor mir, beäugte mich sehr skeptisch und fragte mich, was ich denn da gerade lese. Ich erklärte ihr, dass es sich um sogenannte Mangas handelte, sprich japanische Comics, die man von hinten nach vorne liest. Dann hat sie einfach so den Manga, den ich in der Hand hatte, genommen und ein wenig durchgeblättert, immer noch mit einem eher ungläubigen Blick. Das einzige was ihr dann über die Lippen kam, war dann folgender Satz: "Das ist doch die reinste Realitätsflucht!" Daraufhin kam dann noch der andere stellvertretende Klassenlehrer zu uns, musste natürlich auch gleich einen Blick in den Manga werfen und dann fingen die beiden mit diskutieren an...Ich weiß leider nicht mehr worüber das Gespräch ging, aber das war mir dann egal.



Ich war in dem Moment wohl etwas perplex wegen ihrer Reaktion, konnte damit erstmal nichts anfangen und musste ihre Aussage erstmal in Ruhe durchdenken. Anzumerken wäre, dass meine Klassenlehrerin sowieso keine Ahnung von Mangas hat (sonst hätte sie ja nicht so doof gefragt) und man daher vielleicht ihre Aussage nicht ernst nehmen sollte. Aber schon interessant wie "Außenstehende", die nichts mit Mangas am Hut haben, über so etwas reagieren. Ich habe zuvor noch keinerlei vergleichsweise Reaktion erfahren, meist waren die Vorurteile anderer Art: Von wegen Mangas/Anime sind ja nur Kinderkram oder drehen sich nur um Sex (natürlich haben sie damit alle Mangas/Anime mit Hentais gleichgesetzt, was erstaunlich ist...sind denn so viele etwa ein wenig pervers? o.O)

Naja auf jedenfall habe ich zuvor niemals so etwas gehört; dass Mangas angeblich zur Realitätsflucht dienen. Und ich habe mal selbst reflektiert, ob denn ein Stückchen Wahrheit dahinter steckt.
Erstmal müsste man den Begriff Realitätsflucht definieren, also für mich bedeutet es, dass man sich von der Realität abwendet für eine unbestimmte Zeit, also nicht wirklich darin lebt, sondern in einer Art Traum/Fantasiewelt. Der Zweck liegt darin, also abzuschalten, die Realität mal zu vergessen und in einer anderen Welt (imaginär oder virtuell) zeitweise zu "leben". Der Begriff an sich ist ja ziemlich negativ behaftet, schon allein wegen dem Wort "Flucht"...Und wenn man sofort an die Bedeutung denkt, kommt man zu dem Schluss, dass eine "Realitätsflucht" eigentlich nicht gut ist, da man in der Realität leben sollte.

Nun ist das aber nicht so einfach wie denkt - man kann nicht alles gleich in Schwarz oder Weiß einteilen, Graustufen gibt es durchaus. So bin ich zum Beispiel der Ansicht, dass es notwendig ist, auch mal aus unserer sogenannten Realität raus zu kommen, weil es einfach zu sehr belasten würde. Nehmen wir an wir beschäftigen uns den lieben lang Tag nur mit dem Job, mit Arbeit oder irgendwelchen Pflichten, die ja der Realität angehören. Das laugt einen schon ziemlich aus. Was wir also brauchen ist ein gewisser Ausgleich für die Anstrengungen am Tag (für mich sind solche Dinge immer realitätsverbunden). Damit man mal auf andere Gedanken kommt, sich entspannen kann usw. Wobei Freunde und Familie treffen, Sport treiben und andere Hobbys durchaus ebenso eng an die Realität geknüpft sind.

Aber manchmal kann und sollte man nicht zu sehr an die Realität denken oder in ihr leben, sondern z.B. seiner Fantasie freien Lauf lassen. Damit meine ich nicht unbedingt bloßes Nachdenken über den Tag, über uns, über unsere Mitmenschen, unserer Situation, Erinnerungen oder Zukunftspläne. Das hat auch alles einen Realitätstouch. Ich meine damit einfach, mal nicht an Dinge zu denken, die uns unmittelbar umgeben. Fantasieren oder Kopfkino haben bedeutet ja so ähnlich sich etwas im Kopf selbst zusammenbauen, was womöglich nicht der Realität entspricht. Es kann realistische Züge haben, aber auch nichts mit unserer Wirklichkeit so wie wir sie kennen zutun haben.

Und damit komme ich zu der eigentlich Frage: Sind Mangas/Anime bloße Realitätsflucht? Ich würde es mit einem "jein" also einem ja und nein beantworten. Das kommt immer darauf an, man muss differenzieren. Für die einen sind Mangas/Anime ein schönes Hobby, für andere vielleicht der absolute Lebensinhalt, für den sie sich aufopfern, und für wiederum andere bloß ein netter Zeitvertreib, der keine  große Bedeutung hat. Es kommt also immer darauf an wie man sich mit Mangas/Anime beschäftigt, aber auch wer die Person ist, die diese Beschäftigung ausübt. Es kann Leute geben, die eben bodenständig sind, eindeutig wissen wie man Realität von Fiktion bezüglich Animangas trennt und dann wieder andere, die förmlich in diese Welt eintauchen und vielleicht nur sehr schwer wieder herauskommen.

Natürlich sind Differenzierungen möglich, also Menschen, die dann vollkommen in dieser Welt drin sind, die Umgebung nicht mehr wahrnehmen und wenn sie fertig sind, aber den Weg zurück in die Wirklich mit Leichtigkeit finden. Ich denke mal, dass meine damalige Lehrerin von der negativen Bedeutung des Wortes Realitätsflucht ausging; denn um genau zu sein begehen wir doch alle mal ein wenig Realitätsflucht. Ob wir jetzt nun Manga oder Bücher lesen, Animes/Filme/Serien schauen oder Musik hören und uns in ihr verlieren; das spielt keine Rolle, das sind für mich Hobbys, die nicht wirklich einen direkten festen Bezug zu unserer Realität haben. Sobald wir ein wenig unsere Realität ein wenig verlassen, also in etwas Fiktives eindringen, kann man ein wenig von Realitätsflucht im positiven Sinne reden. Und mal ernsthaft; was ist schon dabei mal einfach nicht immer in der Realität zu leben, eine andere Welt zu sehen aus Sicht einer anderen Person, die etwas anderes als wir erlebt? Ist das verwerflich? Genauso gut könnte ich meiner Lehrerin vorwerfen, dass sie auch Realitätsflucht betreibt mit ihren Büchern(ja sie liest auch Bücher), denn sie basieren auch nicht immer auf wahren Begebenheiten usw. Vielleicht kann ich ihre Aussage allerdings etwas verstehen, denn wenn man sich die Mangas anschaut, haben wir Wesen, die sich erheblich im Äußeren und auch ein wenig im Inneren (bezüglich Stereotypen) von uns unterscheiden.  Aber nur weil das so ist, heißt das nicht, dass wir uns nicht mit ihnen identifizieren können, denn sie haben immer noch etwas Menschliches, sonst könnten wir doch nichts mit ihnen anfangen. Meistens spielen die Handlungen auf demselben Planeten ab, in bekannten Umgebungen sowie Schauplätzen und Städten. Ich finde da ist genauso viel Bezug zur allgemeinen (nicht zur persönlichen) Realität wie jetzt in Filmen oder Büchern. Nur die Akteure sind eben in den meisten Fällen extrem verniedlicht und eben 2D, na und? Deswegen lieben wir sie ja auch! :D

Mag ja sein, dass es Leute gibt, die jetzt absolut nur in Anime/Mangawelten leben; aber das betrifft ja wohl eher die Minderheit der Anime/Mangafans, würde ich behaupten. Sie alle haben immer noch ein sogenanntes "Real Life". Also teilweise stimmt es also, dass vielleicht ein wenig Realitätsflucht besteht, wenn man den Begriff nicht zu negativ fasst, sondern als eine Art Mechanismus zur Realitätsbewältigung. Das betrifft aber genauso Filme, Games und Bücher. Abschalten ist nämlich für den Menschen sehr wichtig und außerdem gehört es auch irgendwie zur Unterhaltung. Außerdem kann man aus Fiktivem immer noch etwas für die Realität mitnehmen und es auf sein eigenes Leben übertragen, indem man z.B. zum Nachdenken angeregt wird.

Einen weiteren positiven Effekt hat eine sogenannte kleine Flucht aus der Realität nämlich auch: Die Fantasie oder unser Vorstellungsvermögen ist das Kennzeichen des Menschens und ohne dieses wären wir gar nicht in der Lage uns überhaupt etwas vorzustellen, dann gäbe es keine neuen Erfindungen oder Weiterentwicklungen. Es ist wichtig, dass die Fantasie von klein auf gefördert werden muss, denn damit verbunden ist auch Kreativität und auch das logische Denken ist mit Vorstellungsvermögen verbunden. Solange man nicht zu sehr in fantastische Welten verloren geht, kann es also hilfreich sein, seine Fantasie anzutreiben. So inspirieren mich Animes, Mangas aber auch Bücher, Filme, Musik, Kunst um eigene Geschichten oder Ideen zu entwerfen. Wenn jemand kein Vorstellungsvermögen oder Kreativität hätte, wäre es auch nicht möglich Geschichten zu verfassen und unterschiedlich umzusetzen, daher finde ich es wichtig dass man der Fantasie Freiraum gibt.

Andererseits würde ich wieder ablehnen, dass nur Anime und Manga die reinste Realitätsflucht im negativen Sinne wären, da gibt es meiner Meinung nach andere Sachen wo das eher zutreffen könnte wie z.B. MMORPGs. Da man die Figur selbst steuert, in einer recht offenen Welt, die noch sehr komplex ist, Kommunikation mit anderen Menschen auch möglich ist und es extrem viel Zeit frisst. Das habe ich am eigenen Leib erlebt. Da verbringt man gut und gerne den ganzen Tag in dieser virtuellen Welt, die aber auch besser durchlebbar ist. In fiktiven Welten, die im Kopf exisitieren, ist richtige extreme Realitätsflucht meiner Meinung nach nicht so ausgeprägt. Außerdem hängt eine wahrhaftige Realitätsflucht auch immer vom
Maß ab. Wie oft und wie lange man z.B. Manga liest oder Anime schaut. Verbringt man wirklich mehrere Tage hintereinander weg damit und schottet sich dabei von der Umwelt ab, ohne sich jetzt mal mit sozialen Kontakten zu beschäftigen, würde ich eher zu einer richtigen Realitätsflucht tendieren. Einen Tag Dauersuchten darf mal erlaubt sein. ;)



So jetzt bin ich gespannt, was ihr darüber denkt. Sind Animes und Mangas für euch eine Realitätsflucht, wäre lieb wenn wir es begründen könntet. :)

Kommentare:

  1. Konnichiwa! Hier ist schon wieder Rin-ko. :D
    Ich komme mal gleich zur Sache: Für mich ist der Alltag, also damit auch die Realität, manchmal überaus anstrengend und bringt mich ab und zu zum verzweifeln. Man muss schwere Entscheidungen treffen, auf Jobsuche gehen, Dinge machen, die gegen die eigene Natur gehen und vemisst dabei in seinem Leben, das, was man sich am meisten wünscht.
    Um sich dann nicht ganz zu verlieren, hat jeder seine eigene Methode zu flüchten und zwar: seine Hobbys: bei uns sind es die Animes/Mangas, bei anderen ist es die Kunst, die Musik od das Schreiben von Geschichten.
    Ich finde, jedes Bild/Gemälde hat eine ganz eigene Geschichte, die es erzählt, gleiches gilt für die Musik. Ich glaube, ein Musikstück ist die hörbare Welt,in der sich der Komponist zur Zeit der Entstehung des Stückes befand und somit die Geschichte, die er uns damit erzählen möchte.
    Schriftsteller verfassen ihre Gedanken in Worte, damit der Leser an seiner "Traumwelt" teilhaben kann. Ich finde es beneidenswert, dass diese Menschen ein Talent besitzen, wodurch sie ihre Träume und Wünsche ausdrücken können.
    Meine Wünsche und Träume, die zur Zeit nicht zu erfüllen sind od fantastisch sind (also nie wahr werden können...wer hat noch nie geträumt eine Prinzessin od ein coller Held zu sein? ;) ) lebe ich dadurch aus, dass ich Mangas lese, deren Welt mir sehr gefällt und davon träume, ebenfalls in dieser Welt leben zu können.
    Jeden Tag ein kleiner Tagtraum gibt mir Kraft, weiter zu machen, wenn die Realität mal wieder besonders unangenehm ist. Daher sehe ich die "Realitätsflucht" nicht als etwas Schlechtes an, sondern als etwas Notwendiges und für mich besteht es darin, Mangas zu lesen, Animes zu schauen od einfach vor mich hinzuträumen (da ich leider weder zeichnen noch lyrisch wertvoll shreiben kann ;) ).
    Fazit: Um die Frage zu beantworten, ob Mangas/ Animes für mich eine Realitätsflucht sind: Ja! Und ich bin echt froh, dass es sie gibt.
    Es ist einfach mal schön, am Leben einer anderen Person teilzuhaben, die es nicht wirklich gibt und sich in ihre Welt ziehen zu lassen, die so ganz anders ist als die eigene, die ja nun manchmal sehr langweilig sein kann.
    Mangas bringen Abwechslung, Fantasie und Stoff zum Lachen od auch weinen, wenn einem danach ist. Die einen lesen Romane, ich lese Manga.
    Lg, Rin-ko.

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    1. Liebe Rin-ko, ich freue mich echt sehr darüber, dass du solche schönen, ausführlichen Kommentare verfasst. Vielen Dank dafür!^^

      Ich kann deine Meinung sehr gut nachvollziehen und bin ebenso der Ansicht, dass unsere "Traumwelten" unserer imaginären Wunscherfüllung dienen, was doch eigentlich nur gut sein kann. Wir Menschen brauchen unsere Träume um den manchmal sehr harten und stressigen Alltag zu bewältigen, sonst würden wir daran kaputt gehen. Wie du es schreibst, ist für dich "Realitätsflucht" eher das Positive, welches in einem guten Maße betrieben werden sollte. Solange das funktioniert, gibt es ja keine Einwände.
      Für dich sind Mangas/Anime genauso unentbehrlich wie auch für mich. :)

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  2. Wie du schon selbst am Rande erwähnt hast: Als Realitätsflucht kann man, so man denn will, wirklich jedes Hobby betrachten, das man ausgiebig betreibt. Sei es nun fernsehen, Musik hören, schreiben, Sport treiben oder Comics lesen. Es stellt sich am Ende immer die Frage nach dem Maß der Dinge.
    Ich gebe zu, es gab Zeiten in meinem Leben, da waren Dinge wie Animes und Mangas für mich Realitätsflucht. In der Familie gab es Schwierigkeiten und in der Schule war ich Außenseiter - klar, wenn man da nicht auf dumme Gedanken kommen will, lebt man lieber in seiner Fantasie in einer besseren Welt. Aber hätte ich das damals nicht getan - wer weiß, ob ich dann heute noch am Leben wäre... Insofern sehe ich in der Realitätsflucht nicht nur etwas grundlegend Negatives.

    Was deine Lehrerin betrifft, so halte ich sie für pädagogisch ungebildet. Das sind Sätze, die einem Kind/Jugendlichen - wie man auch bei dir sieht (und sieh das bitte nicht als Beleidigung/Angriff) - im Gedächtnis haften bleiben. So sollten Lehrkräfte im besten Fall nicht ausgebildet sein/werden. Ich kenne aber leider auch genug Lehrer, die die Psyche mancher Kinder ganz schön geschädigt haben, anstatt sie in ihrer Not zu unterstützen.

    Und wenn man die Angelegenheit auf die Spitze treiben will, so kann man auch den philosophischen Weg wählen und sich die Frage stellen, was die Realität überhaupt ist, bzw. ob das, was wir als Realität wahrnehmen, überhaupt real ist. Ist also alles eine Frage der Definition. ;)

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  3. Genau, es gilt im Leben immer das richtige Mittelmaß zu finden, Extreme sind bei den meisten Dingen nie gut. ;)

    Das tut mir sehr leid zu hören, dass du mit einigen unschönen Ereignissen in deinem Leben kämpfen musstet, davon kann ich ebenso ein Lied singen...Das wirft natürlich ein ganz anderes Licht auf die sogenannte Realitätsflucht, die eben in erster Linie gar nicht schlecht ist, sondern lebenswichtig sein kann; der Meinung bin ich ebenso.
    Ich bin wirklich sehr froh darüber, dass dir Mangas/Animes so viel Lebenstrost schenken konnten!

    Bezüglich meiner Lehrerin bin ich ebenso derselben Meinung wie du...außer dieser Sache hat sie sich so einiges anderes gemeines erlaubt, aber das gehört hier nicht dazu. Man fragt sich sowieso bei einigen Lehrern, weswegen diese überhaupt auf Lehramt studiert haben, nur um Kinder zu quälen oder Falsches einzutrichtern?... Ich finde, da sollte einiges mal überdacht und geändert werden...

    Das ist wirklich ein sehr interessanter Einwurf von dir was die Definition von Realität aus philosophischer Sicht betrifft. Aber ich glaube, da würden wir nur in einem Teufelskreis enden. xD Es gab mal einen berühmten surrealistischen Dichter, der behauptet hat, dass Träume in Wahrheit unsere wirkliche Realität sind...und woher wollen wir schon wissen, ob die Welt, in der wir leben nun die wahre Wirklichkeit ist? Darüber könnte man endlos diskutieren ^^

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  4. Hallo! dies ist mein erster kommentar im internet! also die realität ist ja auch oft langweilig oder einfach nur scheisse! und bei der einen da hätt ich nur gedacht wer braucht schon die realität?

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