Sonntag, 10. Januar 2016

Omiai - Arrangierte Ehen


Omiai“ bedeutet auf Deutsch „einander betrachten“ und gilt als japanische Tradition der Ehevermittlung und deren Umsetzung. Es kann nicht von Zwangsheirat die Rede sein, denn die Eheschließung muss von beiden zugestimmt werden. Dabei beschränkt sich dies nicht nur auf ein Omiai, meist folgen mehrere bevor der Bund des Lebens geschlossen wird.



Besonders in ländlichen Gebieten Japans, in denen noch traditionelle Vorstellungen prägend sind, wird auf unverheiratete Frauen ab 25 Jahren gesellschaftlicher Druck ausgeübt. Gleiches gilt auch für Männer, die sich den 30ern nähern. Besonders die Eltern wollen mit den sogenannten übrigen Weihnachtskuchen (die nach dem 25. Dezember entsorgt werden) darauf hinweisen, dass sie sich unbedingt Enkel wünschen. Meist auf Drängen dieser lassen sich junge Menschen auf ein Omiai ein.


Geschichte

Die Durchführung von Omiai entstand in im 16. Jahrhundert in Japan innerhalb der Samuraiklasse um militärische Allianzen und gegenseitige Unterstützung zwischen den Familien zu sichern. Später in der Tokugawa-Periode (1603-1868) verbreitete sich die Tradition des Omiai auch bei den städtischen Klassen, die versuchten die Samurai-Traditionen nachzuahmen. Omiai basierten auf Grundlage der Familien-Blutlinie und der Klasse, was heutzutage keine große Rolle mehr spielt. Diese Art von arrangierter Ehen in Japan wird noch in Filmen oder in Fernsehdramen dargestellt.

Noch heute werden moderne Formen des Omiai in Japan praktiziert, auch wenn sie nicht mehr so wesentlich sind wie in der Zeit vor der Meiji-Erä. Laut einer Studie der National Institute of Population and Social Security in 2005, wurde bewiesen, dass ca. 6,2 % der Ehen in Japan arrangiert sind.


Allgemein

Hat man sich dazu entschlossen, muss man zunächst ein Kurzprofil (Alter, Beruf, Hobbys, ein Foto, etc). erstellen und bekommt ebenfalls eine Auswahl an Profilen passender Partner. Besteht auf beiden Seiten Interesse wird ein Omiai organisiert. Dabei handelt es sich meist um ein Abendessen in einem Hotel oder Restaurant, bei dem neben der betreffenden Personen auch die Eltern und die Vermittlerin anwesend sind.

Sollte sich danach kein Interesse auf ein besseres Kennenlernen einstellen, muss der Vermittler daraufhin informiert werden. Finden sich aber beide Kandidaten sympathisch und wollen mehr voneinander wissen, treffen sich beide nur zu zweit, womit eine normale Partnerschaft ihren Anfang nimmt.

Nach traditioneller Vorstellung sollte bis zum Start der wirklichen Heiratsvorbereitungen ein halbes Jahr vergangen sein. Innerhalb dieser Zeit ist es noch möglich die Partnerschaft zu beenden, wenn die Chemie zwischen den Partner nicht stimmt.

Ein Omiai muss nicht zwangsläufig von einem Vermittler durchgeführt werden, auch die Eltern, Freunde sogar Vorgesetzte der Arbeitsstelle können den Anstoß bringen.



Nakodo“

Nakodo“ bedeutet übersetzt Heiratsvermittler und kommuniziert zwischen den Familien. Jedoch ist er nicht unbedingt Pflicht. Ein Kuppler kann sowohl ein Familienmitglied, ein Freund oder eben eine Heiratsvermittlungsagentur sein.

Die allgemeine Absicht eines Heiratsstifter ist es, besonders bei der traditionellen Art und Weise, potenzielle Kandidaten miteinander bekannt zu machen und eher schüchternen Heiratswilligen zu helfen. Dabei wird von ihm gefordert verschiedene Rollen beim Omiai zu übernehmen. Die erste wäre die vermittlende Rolle, „hashikake“, bei der der Heiratsvermittler die potenziellen Kandidaten und deren Familien vorstellt. Die zweite Rolle wäre jegliche direkte Konfrontationen und Differenzen in Meinungen zwischen beiden Seiten zu umgehen, indem er die genauen Details der Eheschließung recherchiert.


Auswahlprozess

Die Initiative für ein Omiai geht meist von den Eltern aus, die sich darum sorgen, das deren Kinder im heiratsfähigen Alter („tekireiki“) meist von 22-30 Jahren, noch keinen Partner in Aussicht haben. Andererseits kann auch der Betreffende den 1. Schritt machen, indem er Freunde oder Kollegen nach potenziellen Partner fragt.


Eltern fügen meist die Phrase „onegai shimasu“ (etwa „Ich bitte um etwas“) in das Gespräch ein, was bedeutet, dass beide Eltern zustimmen, dass deren Tochter passende Männer treffen darf. Die Tochter darf dabei nichts davon wissen, dass die Eltern deren Verfügbarkeit suggeriert haben. Darüber hinaus senden einige Eltern auch ein Foto an den zukünftigen Ehemann ohne dass die Tochter damit einverstanden ist oder in Kenntnis gesetzt wird.

Die Eltern gebrauchen meist die Hilfe von Nakodo oder fragen einen Dritten mit einem großen sozialen Netzwerk um für Verbindungen zu sorgen. Das Wort „miai“ beschreibt sowohl den gesamten Prozess als auch das erste Treffen zwischen dem Paar und dem Vermittler. Außerdem deutet das Wort daraufhin, dass beide Seiten zum Zwecke der Ehe zusammen gebracht worden sind. Es meint des weiteren, dass die Auswahlkriterien objektiv sind. So schauen sich die Familien meist die betreffenden Kandidaten an und „untersuchen“ diese genau. Der Nakodo besitzt meist Fotos der Teilnehmer und ein „rirekisho“, einen kurzen Lebenslauf., Darunter fallen der Name, Alter, Gesundheit, Bildung, beruflicher Werdegang, sozialer Status der Familienmitglieder.

Die Familien setzen sich mit dem Heiratsstifter zusammen und schauen gemeinsam nach einem passenden Kandidaten. Die Fotos und die kurzen Biographien werden nach sozialen Kriterien unter die Lupe genommen. Der Bildungsstand und die Berufe der Familie des Zukünftigen sind die ersten Aspekte, die an Wichtigkeit haben. Danach wird eine Liste mit den besten Kandidaten erstellt und der Vermittler wird beauftragt diese zu untersuchen.

In eher sehr selektiven Omiai werden die Auserwählten und deren Familien strenger unter vielen Kriterien beurteilt, damit beide Heiratswilligen genau aufeinander abgestimmt sind und eine Balance der Ehe herrscht. Der Kriterien-Katalog ist in Japan unter „iegara“ bekannt. Dieser umfasst den Stand der Bildung, das Einkommen, Beruf, Attraktivität, Religion, sozialer Rang und Hobbys. Moderne Frauen schauen typischerweise nach drei Eigenschaften: Größe, hohes Einkommen und Bildungsstand.

Die Blutlinie („ketto“) spielt eine wesentliche Rolle. Viele befürchten, dass das Blut der Kandidaten Krankheiten wie Neurosen oder mentale Schwäche aufweist. Auch der soziale Status ist sehr wichtig und die Familien versuchen einen geeigneten Partner zu finden, der mindestens den gleichen sozialen Status inne hat.



Recherche

Der Heiratsvermittler bereitet eine Menge wichtiger Informationen für jeden Kandidaten auf. Eine Methode der Recherche wäre die Nutzung von „kooshinjo“ oder einer Detektei. In eher ländlichen Gebieten werden Geschäftsführer oder Nachbarn nach der Familie des Auserwählten befragt („kuchikiki“).


Vorstellung des Paares

Das Omiai ist eine Möglichkeit für die Familien den Zukünftigen/die Zukünftige sowie das Paar an sich zu bewerten. Das Treffen wird mit einer Vorstellung beider Familien durch den Heiratsverkuppler begonnen. Danach folgt Small Talk zwischen den Eltern. Meist verlagert sich der Fokus der Konversation auf einen der potenziellen Kandidaten. Gegen Ende des Treffens wird dem Paar angewiesen, einige Zeit zu zweit zu verbringen.

Ist das erste Omiai geglückt, folgt für das Paar eine Reihe an Dates bis die Entscheidung schließlich fällt. Diese wird meist beim dritten Treffen zwischen dem Pärchen fällig. Wenn beide mit einer Heirat einverstanden sind, müssen sie einen formalen Eheprozess durchführen, der als „miai kekkon“ bezeichnet wird, bei der eine Zeremonie von der Familie des Bräutigams arrangiert wird.


Diskriminierung


Aufgrund der Auswahlkriterien kann es zu einigen Diskriminierungen bezüglich der Rasse, Klasse und der Gene kommen.

Viele in Japan geborene Koreaner werden aufgrund ihres „Halbbluts“ diskriminiert, weil sie keinen vollständigen japanischen Hintergrund aufweisen. Das Jahr des Pferds im fünften Zyklus des Japanischen Mondkalender „hinoeuma“ - jedes sechste Jahr - wird als unglücksbringend aufgefasst. Frauen, die während dieses Jahres geboren worden sind, bestehen darauf Geburtstag im vorherigen oder darauf folgenden Jahr zu haben.

Die weit verbreiteste Diskriminierung bezüglich der Klasse betrifft die Mitglieder der „burakumin“. Ursprünglich wurden diese mit Handel assoziiert, der auf Blut, Tod und anderen unerwünschten Dingen zu tun hatte. Einige Beispiele wären Lederarbeiter, Schumacher etc. Auch Mitglieder der „Ainu“, Einwohner von Hokkaido werden ebenfalls vermieden. Nachfahren von Opfern der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki werden ebenfalls abgelehnt, weil die Angst besteht, dass zukünftige Kinder Behinderungen und Krankheiten mit sich bringen.


Meinungen

Moderne Einstellungen bezüglich arrangierter Ehen haben sich signifikant verändert. Die junge Generation, die sich an westlichen Werten orientiert, wollen eine Ehe auf romantischer Basis. Romantische Liebe („ren´ai“) impliziert, dass es keine Grenzen gibt bei der Auswahl des Partners. Jeder kann jeden heiraten. Es ist nicht möglich eine Ehe als Liebesehe oder arrangierte aufgrund des elterlichen Einflusses zu deuten. Frauen tendieren eher zu romantischen Beziehungen als Männer.

Es gibt heutzutage abgewandelte und moderne Formen von Omiai. Ein Beispiel wäre „konpa“ oder „compa“ (Kamerad) eine Methode junger Menschen, die aus der modernen Gesellschaft entnommen wurde. Konpa findet man in Gruppen bestehend aus vier oder fünf Jungen, die mit der gleichen Anzahl an Mädchen ausgehen, um potenzielle Partner zu finden.



Fazit

Sicherlich sind arrangierte Ehen heutzutage, auch in Japan nicht mehr so üblich, wie es in früheren Zeiten der Fall gewesen ist. Doch wie ich im Text darauf hingewiesen habe, haben sich zumindest moderne Formen der arrangierten Ehen oder auch Partnerschaften etabliert. Ein wirklich neues Phänomen wäre meiner Ansicht nach in dem Zusammenhang das Online-Dating. Dabei fungiert das Dating-Portal als indirekter Partnerschafts-Vermittler. Ähnlich wie bei Omiai suchen meist aber die Menschen, die sich nach einem Geliebten sehnen, auf eigene Faust nach Gleichgesinnten. Eltern spielten heutzutage weniger eine Rolle, auch ist der gesellschaftliche Druck lange nicht mehr so stark wie früher. Darüber hinaus scheint auch die Ehe als Institution einem Wandel unterworfen sein. Jedenfalls sehe ich ich hier die Parallelen zu einem Omiai oder einer Ehevermittlung. Man gibt bei solchen Online-Diensten eigene Daten ein (u.a. Hobbys, Interessen) und sucht dann nach passenden Partner. Sind beide interessiert, steht dem Kennenlernen nichts mehr im Wege. Der Grundgedanke, nach jemanden zu suchen, der zu einem passt, hat sich also in modernen digitalen Formen erhalten. Man könnte auch von arrangierten Treffen sprechen, wenn beide sich näher kommen wollen. Es ist also nicht so zwanglos, wie wenn man zufällig aufeinander stößt, weil man ja weiß, welche Absicht der andere hegt. Differenzen zeigen sich aber, dass erstens kein so finanzieller Aufwand besteht, kein wirklicher Heiratsvermittler anwesend ist und das Ganze auch eher persönlich als formell abläuft.

Nun würde ich euch gerne fragen, was eure Meinung dazu ist. Was haltet ihr von sogenannten Omiai oder den modernen Formen? Stimmt ihr dem zu, dass die digitale Partnersuche dem Omiai ähnelt oder nicht? Und würdet ihr selbst solche Vermittlungsdienste in Anspruch nehmen oder seid ihr eher dagegen?



Kommentare:

  1. Hai,
    wieder einmal ein Interessanter Beitrag. Von dem Thema hört man zwar immer mal wieder, kommt auch in wenigen Mangas/Animes (die ich bislang gelesen/gesehen hab) vor, aber direkte Beiträge zur Erklärung gibts nicht ganz so viele. Daher danke für den Beitrag.

    mit freundlichen Grüßen
    Linden

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    1. Schön, dass du erneut auf meinen Blog gestoßen bist und weitere Texte liest. Das freut mich. :)
      Das stimmt wohl! Mein Ziel ist es mit dem Blog auch ein Stückchen japanische Kultur zu vermitteln, um mal das Hintergrundwissen zu liefern und dadurch auch Anime/Manga besser zu verstehen.

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