Freitag, 9. Juni 2017

Kawaii und Moe - sind beide Begriffe gleich?




Heute beschäftige ich mit zwei sehr besonderen Phänomen in der japanischen Populärkultur: „kawaii“ und „Moe“. Oftmals werden beide in einem Atemzug genannt, weswegen es auch zu Missverständnissen kommen kann. Was bedeutet überhaupt „kawaii“ und „Moe“? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Und was unterscheidet die beiden Begriffe voneinander?




Was ist „kawaii“?

Zunächst einmal zu „kawaii“. Es ist der ursprünglich japanische Ausdruck für „liebenswert“, „niedlich“, „süß“ oder „attraktiv“. Kawaii wird vor allem im Manga und Anime Bereich von Fans verwendet.
In einem größeren japanischen Wörterbuch findet man für den Begriff folgende Erklärungen:
1) liebevolle warmherzige Zuneigung evozierend z.B. an meine kawaii Tochter
2) süße Anziehungskraft habend, gegenüber Mädchen, Kindern, Tierchen.
z.B. Sie haben ein wirklich kawaii Kind.
3) kindlich und herzerwärmend; klein und lieb (kawaii Hände oder Gesicht)
Die Bedeutungsweisen haben sich seit Ende der 80er Jahren erheblich erhöht, auch wenn es übertrieben wäre, zu sagen, dass Mädchen heutzutage alles als kawaii bezeichnen würden.

Kawaii ist auch nicht gleich kawaii, es haben sich mittlerweile wirklich kuriose Verbindungen von kawaii mit anderen Eigenschaften gebildet. So sind auch „guro-kawaii“ (grotesk-süß), „kimo-kawaii“ (ekelhaft-süß), „busu-kawaii“ (hässlich-süß), „ero-kawaii“ (sexy-süß) und „shibu-kawaii“ (dezent-süß) bekannt.


Ich habe mich schon öfters mal damit befasst, aber noch nicht ganz konkret mit dem Begriff und seiner Bedeutung selbst. Inzwischen ist er ein ästhetisches Konzept geworden, das besonders die Reinheit und Kindlichkeit hervorhebt und sich auf viele Bereiche der japanischen Gesellschaft verbreitet hat. Hierzulande und generell im Westen hat sich die Bezeichnung als Bezeichnung einer japanisch angehauchten Niedlichkeitsästhetik besonders im Hinblick auf Manga und Anime gefestigt. Interessant ist aber, dass es diese Niedlichkeitsbewegung bereits schon seit den 1970ern gibt und sich gar nicht aus Manga und Anime ergeben hat, sondern von jungen japanischen Mädchen begründet wurde. Diese benutzten sogenannte „Kawaii-Handschrift“ oder wurden mit „Kawaii-Charakteren“ Freunde, womit sie selbst als kawaii galten. Bis Ende der 1980er Jahre hat sich dann diese Erscheinung in ganz Südostasien manifestiert und auch seit der Jahrtausendwende in den westlichen Ländern. 

Japan gilt überhaupt als Land der Niedlichkeit, man findet süße Elemente überall, ob nun auf Straßenschildern, in der Werbung, in Schulbüchern oder eben als Maskottchen von bestimmten Unternehmen. Es betrifft nicht nur die Nerdkultur, sondern wirklich die gesamte japanische Kultur.
Viele Unternehmen verwenden niedliche Maskottchen, um ihre Produkte und Dienstleistungen attraktiv zu präsentieren. So werden Züge mit Aufdrucken nach Manga und Anime Art geschmückt, die Asahi Bank verwendet auf einigen ihrer Bankkarten Miffy, eine Figur einer niederländischen Kinderbuchserie. Selbst alle 47 Präfekturen in Japan besitzen ihre eigene niedliche Figur als Maskottchen. Niedliche Artikel sind besonders beliebt in Japan, so stellen die größten Hersteller Sanrio und San-X wirklich verschiedenste Artikel her, die sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen gemocht werden. Kawaii kann aber auch verwendet werden, um den Modegeschmack zu charakterisieren. Meist verwendet man den Ausdruck bei kleinen Kleidergrößen oder Mode, die die Niedlichkeit der Person betont oder wie für Kinder gemacht erscheint. 


Bemerkenswert ist, dass Niedlichkeit auch in Beziehungen in Japan eine Rolle spielen. Japanische Mädchen und Frauen haben sich meist ein niedliches Verhalten angewöhnt, das sich durch sehr hohe Stimmen und Kichern auszeichnet. Nach außen hin wirkt es teilweise nicht authentisch und erzwungen und wird als „burikko“ bezeichnet, eine Art der geschlechtlichen Selbstdarstellung. Außerdem ist Niedlichsein nicht nur auf Frauen, Mädchen und Kinder bezogen, sondern kann auch für Männer und Jungen gelten. So versuchen die japanischen Männer stellenweise weiblicher zu wirken, indem sie ihre Beine rasieren. Japanische Frauen versuchen weiterhin sich besonders süß zu verhalten, um Männer anzuziehen. Eine Studie von Kanebo, einer Kosmetikfirma, hat ergeben, dass japanische Frauen in ihren 20ern und 30ern den „niedlichen Style“ und ein „rundes, kindliches Gesicht“ bevorzugen. Darüber hinaus ahmen sie auch kindliche Züge nach, indem sie ihre Augen durch Kontaktlinsen vergrößern und falsche Wimpern ankleben.

In der Forschungsliteratur gibt es drei Auffassungen von Kawaii.
1) Kawaii als ästhetisches nationales Prinzip Japans
2)  Kawaii als kindliche Kultur
3) Kawaii als diffuse Kultur in ausländischen Ländern


So soll also der Begriff „kawaii“ bereits sehr früh in der japanischen Geschichte verankert sein und sich durch beliebte Romane der Edo-Zeit manifestiert haben. Eine Person wird als „kawaii“ bezeichnet, wenn sie feminin, kindlich, rein ist. Eine andere Auffassung ist, wie schon erwähnt, dass kawaii als Shojo Kultur verstanden wird.

Zur zweiten Auffassung lässt sich sagen, dass diese am meisten unserer Vorstellung von kawaii ähnelt, nämlich als ein Konzept in der japanischen Populärkultur. Kawaii wird mit niedlich gleichgesetzt, was sich in den niedlichen Maskottchen, Mode, Essen, Idole etc. ausdrückt.

Wie ihr seht, gibt es also verschiedene Auffassungen von Kawaii, doch was genau macht etwas oder jemanden kawaii? Abgesehen von niedlichen Farben, sind es Eigenschaften wie Weichheit, runde Konturen, große Augen, ein großer Kopf und eine kleine Distanz von Nase zur Stirn, die von anderen als süß empfunden werden. 

Außerdem besteht wie alle Manga und Animefans wissen, eine enge Verbindung zwischen kawaii und der Otaku-Jugend-Kultur. Kawaii-Helden sowie Heldinnen besitzen meist kindliche und süße Gesichter. Hier zeigt sich die Vorliebe für „Neotenie“ also einer Vorliebe für den unvollkommenen Entwicklungsstand. In der japanischen Kultur werden Kinder wegen ihrer Reinheit als bessere Wesen betrachtet. Die Entwicklung zum Erwachsenen ist dagegen ein notwendiges Übel. Weiterhin drückt sich diese Verbindung in den japanischen Emoticons aus, deren Gesichter sehr stark an vereinfachte Chibi-Darstellungen von Manga/Animefiguren erinnern.


Was bedeutet "Moe"?


Moe, was wörtlich übersetzt „Knospung“ bedeutet gilt als japanischer Slang-Ausdruck für Zuneigung zu Figuren in Videospielen, Manga und Anime. Die Bezeichnung erscheint oft in Verbindung mit typischen Eigenschaften. So meint „Meganekko-moe“ die Eigenschaft, Figuren mit Brillen als attraktiv zu empfinden. Der Begriff wird als Attribut für Mangas verwendet, die besonders süße Figuren besitzen oder charakterisiert diese Figuren selbst. Meist wird er in Bezug zu Manga von männlichen Rezipienten verwendet, ist aber auch zunehmend bei Shojo-Manga anzutreffen.  In Bezug also auf Anime-/Manga-Figuren wird der Begriff häufig als Synonym für Kawaii genutzt.

Ursprünglich ist es sogar ein eher ironisch gebrauchter Ausdruck, der auf einen Fetisch oder einer sexuellen Anziehungskraft einer idealisierten Figur beruht. Seitdem hat sich der Ausdruck zu einem Begriff für ein Hobby und nicht sexuellen Fetisch entwickelt..

Moe darf auf keinen Fall einer sexuellen Aktion unterliegen, damit wird immer eine gewisse Distanz zum begehrten Objekt oder einer Figur gehalten. Somit geht es also weniger um das sexuelle Verlangen, als um rein platonische Gefühle. Das Moe-Objekt ist meist eher passiv und abhängig von anderen.

Was macht Moe nun wirklich aus?



Es werden meist weibliche Figuren als moe bezeichnet, die auch bestimmte Bedinungen erfüllen. Sie sind meist jung, rein, niedlich (kawaii) und verfügen über seltsame Eigenschaften oder Angewohnheiten. Ein typisches Beispiel wären die Anime-Adaptionen von Kyoto Animation allen voran der Anime K-On!. Moe bezieht sich auch gerne auf Figuren mit Sprachfehlern. „Kanon“ ist ein gutes Beispiel, da Ayu Tsukimiya immer wieder das männliche Personalpronomen „boku“ für ich und den Laut „ugu“ von sich gibt. Bei dem erwähnten Anime „K-On!“ sind sogar alle fünf Heldinnen nach dem Moe-Schema gestaltet, da sie alle unterschiedlich stark ausgeprägte Schwächen aufweisen. So sind sie mitunter übernervös, naiv, faul, niedlich oder einfach nur verrückt. Ich habe die Definition für mich so verstanden, dass Moe das ist, was man empfindet, wenn man beispielsweise süße Figuren oder auch süße Tiere sieht und dann ein „Ohhh wie süß!“ mit einem tiefzen Seufzer von sich gibt. Ich beschreibe dies als ein wohliges Gefühl, eine Wärme, die sich dann in meinem Inneren ausbreitet, den Beschützerinstinkt in mir weckt bzw. den Drang hervorruft, dass Tier oder diese Figur zu umarmen und zu liebkosen.


Vergleich zwischen kawaii und moe


Wie hängen nun diese beiden Begriffe „kawaii“ und „moe“ zusammen? Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass beide auf keinen Fall Synonyme sind. Kawaii ist mehr als moe, aber moe hängt stark von kawaii ab. Kawaii, wie wir gesehen haben, kann sich auf alles und jeden beziehen und muss nicht notwendigerweise immer nur „süß“ und „niedlich“ bedeuten, sondern kann auch für Kindlichkeit, Schönheit, Attraktivität und Reinheit stehen. Außerdem ist der Begriff nicht allein dem Manga- und Animebereich vorbehalten, sondern hat sich inzwischen überall in Japan und weltweit zu einem Phänomen entwickelt. Kawaii hat auch wirklich viele verschiedene Bedeutungen.

Dagegen ist moe noch immer ein recht spezieller Ausdruck, den meist nur Anime-/Mangaliebhaber kennen. Ich finde, dass kawaii auch eher nur eine Eigenschaft beschreibt, dagegen „moe“ eher ein Gefühl gegenüber dem Objekt der Begierde, moe hat also mehr etwas mit Beziehungen zutun, beruht aber aber eben auch auf kawaii-Faktoren. Diese begünstigen, wie stark unsere Zuneigung gegenüber fiktive Figuren sind. Je niedlicher also eine Figur ist, desto stärker können die Gefühle auch ihr gegenüber sein. Insofern hängen kawaii und moe also wirklich sehr eng zusammen, sind aber eben nicht deckungsgleich. Beide sind wichtige Schlüsselfaktoren für den Erfolg vieler Anime und Manga. Gerade weil die Figuren so süß sind, entwickeln wir zu ihnen eine große Zuneigung und Sympathie, die uns an sie bindet, wodurch wir uns mit ihnen identifizieren und sozusagen mit ihnen Höhen und Tiefen durchleben. Das führt einem richtigen Flow, wodurch wir das Gesehene noch intensiver erleben.

Was meint ihr dazu? Habt ihr euch schon mal Gedanken über die beiden Wörter gemacht? Verwendet ihr sie im Alltag oder im Gespräch mit Gleichgesinnten? Welche Meinung habt ihr dazu?

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