Sonntag, 5. Februar 2017

Themen und Motive in Shojo-Manga



Ich hatte bereits schon einige Artikel zu meinem Lieblingsgenre geschrieben und möchte mich aber in diesem Text noch mal ausführlicher mit den wichtigsten Themen und Motiven befassen und diese auch mal kritisch beleuchten.


Nach dem Kulturanthropologen Matt Thorn werden japanische Comic als Shojo-Manga bezeichnet, wenn sie in einem Shojo-Manga-Magazin erschienen sind. Generell ist zu sagen, dass die Kategorie Shojo nicht direkt als wirkliches Genres bezeichnet werden kann, sondern als eine Altersgruppen-Kategorie ähnlich wie auch Shonen. Doch besonders im westlichen Raum werden mit solchen Kategorien auch gleich Themen wie Genres assoziiert. Es scheint so, als würden bestimmte Zielgruppen bestimmte Themen bevorzugen. Jedoch stellt sich in den letzten Jahren heraus, dass sich aber die Grenzen zwischen diesen Kategorien immer mehr verwischen. Heutzutage lesen nicht nur Jungs Shonen-Manga und auch Shojo-Manga werden teilweise von Jungen konsumiert. Das zeigt uns auch, wie veränderbar solche Kategorien sind und dass bestimmte Themen udn Interessen nicht unbedingt an Geschlechter gebunden sein müssen.
Für mich jedoch erscheint ein Shojo-Manga idealtypisch für die Zielgruppe Mädchen im Alter von 10-18 Jahren, spricht also eher die jüngeren Leser an.

Nach der Japanologin Megumi Maderdonner werden die Manga für Mädchen unter folgenden Gesichtspunkten unterteilt
1. Geister- und Horrorgeschichten, in denen die Heldin Schreckliches erfahren
2. Nonsens-Komödie, die unglaubwürdige Geschichten mit Unlogik verbinden
3. Science-Fiction und märchenhafte Geschichte aus fernen Zeiten und Welten
4. Erzählungen von Männern, die den Mädchen geheimnisvoll erscheint
5. Sport- wie Berufsgeschichten, in denen der Wettkampf und der berufliche Alltag thematisiert wird
6. Alltagsgeschichten über die Liebe und das Glück

Es dürfte auf der Hand liegen, dass es gerade die sechste Kategorie ist, die man vor allem auch in Deutschland sehr oft zu Gesicht bekommt. Mir ist aber aufgefallen, dass es zunehmend immer mehr fantastische Geschichte aufkommen, in denen es um die Liebe zwischen normal sterblichen Mädchen und übernatürlichen Wesen kommt. Dagegen erkenne ich die Tendenz, dass die Magical-Girl-Manga, die noch vor Jahrzehnten mit Sailor Moon einen regelrechten Boom erfahren haben, immer mehr abnehmen. Wie kann man das erklären? Eine mögliche Erklärung ist für mich, dass es noch vor vielen Jahren so war, dass Frauen eine deutlich größere Ungerechtigkeit empfunden haben.

Damals wurden die ersten Mädchenmanga auch von männlichen Mangaka gezeichnet, bis dann die Frauen sozusagen an die Macht kamen und die Shojo Manga für sich beanspruchten und darin auch den Zweck sahen, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit zu gewinnen. Wie ich später noch erklären werde, sehe ich dann den Boom der Magical Girl in den damaligen Jahrzehnten als Zeichen für eine wachsende Selbstständigkeit der Frauen in Japan, die sich auch in der Literatur und in den Mädchenmanga widerspiegelte. Ich behaupte mal, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Japan zwar immer noch nicht erreicht ist, aber die japanischen Frauen heutzutage doch eine bessere Stellung haben als damals. Vielleicht gibt es auch heutzutage andere Ansprüche und Bedürfnisse, weswegen sich auch die Themenschwerpunkte der Mädchenmanga gewandelt hat.

Doch zurück zu den Alltagsgeschichten in den Mädchenmanga. Ich frage mich wirklich, weswegen es gerade solche Geschichten sind, die am meisten veröffentlicht und auch gern gelesen werden. Ich meine, lesen wir Manga nicht, weil wir eigentlich aus der Realität fliehen wollen? Warum will man sich das auch in der Freizeit antun und sich mit den alltäglichen Problemen der Figuren in Manga befassen? Ich möchte mich diesen Fragen widmen und damit auch aufzeigen, welche wichtigen Themen hier mit hinein spielen und daher so viele Leserinnen ansprechen. Die wichtigsten Themen, die ich so bisher während meiner Recherche heraus gearbeitet habe sind die erste Liebe, die Suche nach der wahren Liebe, Gefühle, das Erwachsen werden, Freundschaften, alltägliche Probleme, Sexualität, Crossdressing und Gender Bender wie auch das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden in Magical-Girl-Manga.


Suche nach der wahren Liebe und die erste Liebe


Es ist nicht abzustreiten, dass die meisten Shojomanga sich mit der ersten Liebe und vor allem der Suche nach der wahren Liebe beschäftigen. Die enge Verbindung von Mädchenmanga und der Liebesthematik belegt auch, weswegen viele Shojomanga als eine Art Genre sehen, nämlich mit dem Genre der Romantik gleichsetzen, obwohl es sich bei Mädchenmanga eben nur um eine Altersgruppenkategorie handelt. Dagegen sehen die wenigsten eine Verbindung zwischen Shonenmanga und Liebe, meist werden die Jungenmanga mit Action, Fantasy und Freundschaft assoziiert, womit wiederum die Geschlechterklischees deutlich werden. Jedenfalls ist die große Liebe eigentlich Dreh- und Angelpunkt in vielen Shojomanga. Es verläuft nach dem fast immer gleichen Prinzip, dass ein Mädchen einen Jungen trifft, sich in ihn verliebt, die beiden sich näher kommen, ein Paar werden, aber dann leider immer wieder in ihrem Liebesglück gestört werden. Sei es durch Meinungsunterschiede, Missverständnisse, Streitigkeiten, verschiedene Ziele oder Lebenswelten. Oder eben auch äußere Einflüsse wie eifersüchtige Exfreunde oder sonstiges, es gibt immer reichlich Konfliktpotenzial.

 Interessant ist es sich mal die Liebe als Thema selbst näher anzusehen. Es wird eigentlich immer nur eine Idealvorstellung von Liebe gezeigt. Meist wird sie rosarot gefärbt, bereitet Schmetterlinge im Bauch und erscheint so wichtig, dass alles andere im Alltag vernachlässigt wird. Die Liebe wird auf ein Podest gestellt und erscheint Lebensinhalt der Heldinnen. Im Vordergrund steht eigentlich immer die emotionale Liebe, es geht immer um die Emotionen, was ein zweites wichtiges Thema in Mädchenmanga darstellt. Das Körperliche ist zwar auch wichtig, aber wird meist doch eher außen vorgelassen. Liebe ist immer etwas Unschuldiges, darf nicht beschmutzt werden, das äußert sich dann in den zärtlichen Annäherungsversuchen zwischen den Figuren, die bei jeder Gelegenheit erröten, anfangen nervös zu werden, zu stottern etc. Sex ist etwas, was wirklich sehr viel später  kommt, oder gar nicht erst angesprochen wird. Mit der ersten Liebe, kommen erste sexuelle Erfahrungen hinzu, dabei ist ein wichtiges Gebot, dass Sex niemals ohne Liebe stattfinden darf und sollte. Man muss sich seelisch gut darauf vorbereiten es ist wie Ritus zum Erwachsenwerden. 


Liebe ist aber nicht immer nur wunderbar und schön, sondern hat auch negative Seiten, was man am Liebeskummer und den Streitigkeiten zwischen den Figuren erkennen kann. Insofern wird also nicht alles nur schön dargestellt. Doch die Konflikte in der Beziehung wirken manchmal arg konsturiert und die Versöhnung ebenfalls erzwungen bzw. wird einfach zu schön um wahr zu sein dargestellt. Die Mädchenmanga strotzen eigentlich nur voller romantischen Fantasien, die wirklich weit von der Realität entfernt sind. Sie stellen Träume und eben Ideale dar. Daher wirken sie auch so befriedigend. Ein weiteres Gebot ist, dass es eigentlich immer nur "den Einen" geben kann. ist dieser gefunden, können die Heldinnen glücklich bis an ihr Lebensende mit diesem sein. Erinnert ganz schön stark an Märchen oder? Ich finde Mädchenmanga haben tatsächlich viel mit Märchen gemeinsam. Beide sind nicht gerade realitätsnah, vieles wirkt unlogisch und konstruiert, das Ende ist immer super und am Ende bekommt jeder die Liebe seines Lebens.

Gefühle und Gedanken


Eng mit dem Thema Liebe sind auch generell alle inneren Regungen und Gedanken der Figuren verbunden. Mädchenmanga sind ein Genre, in dem diese Innenwelt im Vordergrund steht. Es passiert eigentlich nicht viel auf der Handlungsebene, im Vergleich zu anderen Genres besonders bei Shonenmanga, die sehr viel mehr auf die Handlung fokussiert sind. Was ich bemerkenswert finde ist, dass sich das auch im Erzähltempo und auch der formalen Ästhetik der Shojomanga zeigt. Wir haben hier viel mehr große Panels, in denen vor allem die Nahaufnahmen der Figuren im Vordergrund stehen, allen voran die großen Augen, die die Fenster zur Seele sind und uns dazu verleiten uns mit den Figuren zu identifizieren. Wir stellen automatisch eine Verbindung zu ihnen her, werden in sie hinein versetzt und erleben ihr Gefühlschaos hautnah mit. Außerdem sind Gestik und Mimik besonders ausgeprägt, was wiederum zu einer besseren Teilnahme am Geschehen führt. Darüber hinaus drücken sich die Emotionen und Gefühlszustände in den leeren Hintergründen wider, was typisch für Manga ist, in westlichen Comics weniger zu finden ist. Es sind Panels, in denen nicht gesprochen wird, und dadurch Zeitbezüge fehlen. Was bleibt ist eine Art Zeitlosigkeit, die uns die Situation und Gefühle der Figuren umso eindringlicher machen. 


Außerdem  sind auch die Hintergründe der Panels  Spiegel der Seelenzustände der Figuren. Fühlen sich die Figuren gut, sind diese hell und mit schönen Ornamenten verziert. Sind sie in depressiver Stimmung ist alles schwarz gefärbt. Ich finde auch, dass sich die Dominanz der Gefühls- und Gedankenwelt in den Dialogen sowie Monologen zeigen. Erzähler sind meistens die Protagonisten, die uns teilhaben lassen an ihren Sorgen, Hoffnungen und Empfindungen. Die Dialoge sind in Shojomanga insofern wichtig, weil sie uns die Beziehung und Interaktion zwischen den Figuren deutlich machen, wohingegen die Handlungen selbst in den Hintergrund rücken. Auch innere Reflexionen als Monologe erscheinen wichtig, gepaart eben mit den großen Aufnahmen der Gestik und Mimik.

Erwachsenwerden

Liebe wie auch Gefühle sind eigentlich eng verbunden mit dem Prozess des Erwachsenwerdens, was jetzt nicht unbedingt spezifisch für Mädchenmanga wäre, sondern sich auch in Shonenmanga zeigt. Jedoch ist hier die Akzentuierung eine andere. Bei den Shonenmanga geht es darum, dass der Held stärker wird, immer größere hindernisse bewältigt. Es ist mehr ein äußeres und physisches Wachsens. Dagegen stelle ich in Mädchenmanga eine innere Entwicklung fest, meist eine Charakerentwicklung. Im Fokus steht, wie ein Mädchen zu einer jungen Frau wird. Meist sind die Mädchen noch unschuldig, unerfahren in der Liebe und erfahren zum ersten Mal, wie es ist verliebt zu sein. Wie fühlt sich das an? Welche Zeichen sind es? Wie sind sie  zu deuten? Was macht Liebe aus? Sie müssen sich mit teils widersprüchlichen Empfindungen plagen, müssen Liebeskummer, Enttäuschungen ertragen und verarbeiten. Sie setzen sich mit sich selbst auseinander und eben mit ihrer Umwelt und wachsen daran. Die Heldinnen machen ihre ersten sexuellen Erfahrungen, die ja schlechthin als Übergang zum Erwachsenwerden fungieren. Darüber hinaus kommen dann noch außersoziale Aspekte hinzu, wie beispielsweise das Bewältigen von Prüfungen und auch die große Frage, was sie mit ihrem Leben danach anstellen wollen. Was wollen sie beruflich machen? Wie ist das vereinbar mit ihren Liebesbeziehungen? Wie geht es weiter mit ihnen?


Idealisierung und Wunscherfüllung

Ich finde ja, dass besonders Shojomanga Idealisierung schlechthin darstellen und besonders auf die Erfüllung von romantischen Fantasien abzielen. Ich hatte es bereits schon erklärt, Shojomanga sind generell total überzeichnet und so fernab jeglicher Realität, dass man sich wundern muss. Und dennoch akzeptieren wir dies, einfach weil es am Medium Manga liegt, dass alles nicht ganz so glaubwürdig ist. Das fängt schon bei den Figuren an, die so extrem gar nicht auftauchen. Es gibt keine perfekten Prinzen und es gibt auch nicht so etwas wie eine Liebe, die bis ans Lebensende anhalten wird. Die Probleme sind nicht so leicht zu bewältigen, Beziehungen gehen in die Brüche, neue werden begonnen. Es ist ein ewiger Kreislauf. Und es gibt in Mädchenmanga so viele typische Szenen, die so in Wahrheit niemals passieren würden. Es findet sich so viel Kitsch, Romantik und Unglaubwürdigkeit in diesem Genre, dass es wirklich an Realitätsflucht grenzt. Und dennoch mag ich dieses Genre gerade deswegen. Denn irgendwie vermittelt es uns auch Hoffnung. Dass selbst das unscheinbarste und normalste Mädchen doch noch ihr Liebesglück finden kann. Dass nach jedem Streit auch Versöhnung kommen wird. Dass man jeden Liebeskummer hinter sich bringen und neu anfangen kann. Dass das Leben einfach nur weitergeht.


Freundschaft


Auch Freundschaft ist ziemlich wichtig in den Mädchenmanga, wird aber doch eindeutig der Liebe untergeordnet. Die Freunde sind aus vielerlei Gründen relevant. Zum einen sind sie es, mit denen wir unseren Alltag teilen. Die Figuren erleben gemeinsam Abenteuer, bewältigen den Schulstress, helfen sich und sind füreinander dar. In guten wie auch in schlechten Zeiten. Sie halten immer zusammen und beweisen sich immer, dass man niemals allein ist. Klar gibt es auch hier hin und wieder Probleme, aber die werden mit Leichtigkeit aus der Welt geschafft. Die Freunde in Shojomanga sind außerdem auch seelische Unterstützung. Mit ihnen kann man seine Sorgen, Ängste und Probleme teilen. Man redet stundenlang miteinander und fühlt sich danach unglaublich erleichtert. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Außerdem unterstützen sie einen in jeder Lebenslage, sie geben Hoffnung und Mut und treten einem notfalls auch in den Allerwertesten. Insofern finde ich, dass das Thema Freundschaft doch etwas glaubwürdigere Züge besitzt als die Liebe.

Crossdressing, Gender Bender und Transgender


Das Motiv des Genderbending wird im Manga meist jedoch eher als humoristisches Stilmittel für die Geschichten verwendet, wodurch eine eher sozialkritische Lesart deutlich erschwert wird. Das liegt daran, dass der Manga auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse Japans ist. Cross-Dressing wird im kulturellen Bereich noch erlaubt, doch nach wie vor dominieren in Japan strenge Geschlechterstereotype.  

Spannend daran finde ich ja, dass Gender Bending und auch das Thema Transgender gerne in Shojomanga aufgegriffen werden. Woran mag das liegen? Ich denke, dass hier innerhalb eines akzeptierten Rahmens mit den Geschlechterrollen wie Identitäten gespielt wird, was im normalen Alltag überhaupt nicht toleriert werden würde. Manga sind einerseits Realitätsflucht, stellen damit auch einen sicheren Bereich dar, in dem experimentiert werden kann, ohne dass Bestrafungen folgen. 
Auch die Autoren Cooper und Darlington sind der Ansicht, dass Shojo Manga jungen Mädchen dazu dienen mit Geschlechtergrenzen zu spielen. Doch gleichzeitig weist der Manga darauf hin, was gesellschaftlich als Norm gilt und dass Gender-Bending-Figuren eben davon stark abweichen. Insofern kann man hier zwar von einem Übertreten der Grenzen sprechen, jedoch wird dies auch wieder zurück genommen. Shojo Manga können nach dem Autor Toku Spiegel der Sehnsüchte und Erwartungen von japanischen Mädchen wie Frauen sind. In ihnen reflektieren sich weibliche Ästhetik wie auch weibliche Sehnsüchte. Da Shojo Manga als Zielgruppe besonders junge Mädchen haben, die sich erst einmal Vorstellungen von Geschlechterrollen machen müssen, ist es naheliegend, dass gewisse Geschlechterstereotype besonders in Shojo Manga vorzufinden sind.
Shojo Manga können nach dem Autor Toku Spiegel der Sehnsüchte und Erwartungen von japanischen Mädchen wie Frauen sind. In ihnen reflektieren sich weibliche Ästhetik wie auch weibliche Sehnsüchte. Da Shojo Manga als Zielgruppe besonders junge Mädchen haben, die sich erst einmal Vorstellungen von Geschlechterrollen machen müssen, ist es naheliegend, dass gewisse Geschlechterstereotype besonders in Shojo Manga vorzufinden sind.


Asexualität und Homosexualität


Eng mit dem Phänomen des Crossdressing und Genderbending verbunden ist auch die sogenannte Androgynie. Dieser Begriff bezieht sich auf Menschen, die sowohl männliche wie auch weibliche Merkmale in sich vereinen. Umgangssprachlich werden damit Menschen umfasst, die geschlechtlich nicht eindeutig zuzuordnen wären, da sie schwach ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale haben und auch ihr Kleidungsstil und Verhalten undurchsichtig ist. Ich finde, dass man Androgynie besonders in Shojo Manga sehen kann. Denn hier dominieren vor allem die sogenannten „Bishonen“, also schöne Jungs, die sehr feminin wirken und es schönheitsmäßig auch mit Mädchen und Frauen aufnehmen können. Sie zeichnen sich durch einen schlanken Körperbau und schöne Gesichtszüge aus, entsprechen damit auch dem Idealbild japanischer junger Männer. 

Anders dagegen sieht das männliche Ideal in Shonen und Seinen aus: da dominieren doch eher Jungs und Männer mit deutlich abzeichnenden Muskeln, die auch vom Verhalten her eindeutig männlich markiert sind. Interessant finde ich, dass Androgynie nicht mal unbedingt nur auf Männer und Jungs bezogen sein muss. In Shojo Manga findet man auch genug Beispiele für Mädchen, die androgyn sind und dadurch eine große weibliche Anhängerschaft haben. Diese Mädchen sind dann meist doch eher als Tomboys zu bezeichnen, gehen also schon mehr in Richtung Männlichkeit, während die androgynen Jungen mehr als verweichlicht oder feminin beschrieben werden. Es ist interessant, dass also bereits mit Androgynität als Vorstufe zum Crossdressing und Genderbending bereits mit der Geschlechteridentität spielt. 

Ich denke auch, dass Transgender besonders gern thematisiert wird, weil die Shojomanga, wie schon erwähnt, sich besonders den Gefühlen und der Gedankenwelt der Figuren widmen. Es sind seelische Vorgänge, die wichtiger sind als die Handlungen in der äußeren Welt. Aktion und vor allem schnelles Erzähltempo findet man in den wenigsten Mädchenmanga, dafür dann aber mehr bei den Jungenmanga, wo Emotionen eher randläufig behandelt werden. Ich denke auch, dass es für Mädchen noch schwieriger ist mit den Geschlechtervorstellungen zurecht zu kommen, gerade, weil Mädchen und Frauen doch benachteiligter behandelt werden und immer in solche passiven Rollen gesehen werden. 

Interessant finde ich auch die Feststellung in der Forschungsliteratur, dass gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Jungen wie Männern in Shonen Ai, als Untergenre des Shojo Manga, einen bestimmten Teil des mädchenhaften Empfindens verkörpern. So ist es ja nach wie vor, dass sich Japaner an diesen strengen Geschlechterrollen orientieren müssen, nach denen sich die Frauen dem Mann unterzuordnen hat und es eine klare Trennung wie Hierarchisierung zwischen beiden Geschlechtern gibt. Eine gewagte These einiger Forscher ist nun, dass die gleichgeschlechtliche Liebe in Shonen Ai-Manga eine Verschmelzung der beiden Geschlechter herbei führen soll, was zunächst paradox klingt, sind es doch immer zwei männliche Figuren. Wie aber schon erwähnt, zielen diese Manga nicht auf männliche, sondern weibliche Leserschaft, demnach projizieren also die weiblichen Rezipienten ihre Erwartungen und Wünsche eben auf diese Figuren. Sie identifizieren sich mit diesen und darin drückt sich der Wunsch nach Gleichberechtigung aus. 

Während im Westen Weiblichkeit und Männlichkeit eher als Einheit verstanden werden, ist es in Japan gänzlich anders. Eine fiktive Lösung findet sich aber in den Shonen Ai Manga, in denen sich Mädchen in den männlichen Figuren wieder erkennen und auf gleicher Stufe mit Jungen und Männern stehen können.


Zu erwähnen ist auch die Feststellung, dass doch die meisten idealtypischen Shojo-Manga wenig oder keine Gewalt- oder Sexszenen enthalten im Vergleich zu anderen Genres wie dem Shonen oder erwachsenen Manga. Weiterhin bemerkenswert ist, dass die meisten Figuren oft ohne eindeutig sexuelle Merkmale auftreten, also sozusagen asexuell sind. Das schließt aber die körperliche Liebe nicht grundsätzlich aus. So hat sich ja auch Boys Love als festes Subgenre von Mädchenmanga etabliert und gilt als eine der beliebtesten Genre überhaupt auch international. Eine Vermutung ist, das die Mädchen noch nicht für die Sexualität bereits sind, da sie noch auf dem Wege zum Erwachsensein sind und daher ihre ersten sexuellen Gefühle auf gleichgeschlechtliche Figuren übertragen. Das hat den Vorteil, dass es sich um eine gleichberechtigte Beziehung handelt, in der nicht die Frau in eine untergeordnete Position gebracht wird. Die Vermutung liegt nahe, dass die homosexuelle Liebe auch den Zwiespalt der Psyche der Mädchen symbolisiert, das sich weder als Kind noch als Frau empfindet. Was jedoch belegt werden kann ist, dass in den 70er Jahren solche Mädchencomics Möglichkeit gaben tabuisierte Themen wie Homosexualität und auch Cross-Dressing zu thematisieren.

Es könnte also möglich sein, dass durch die Darstellung der Asexualität eine Art Befreiung angestrebt wird. Es tauchen wirklich sehr viele androgyne Figuren in Mädchenmanga auf, ob nun feminine Jungen oder eher burschikose Mädchen, die aber weder eindeutig Mädchen noch Jungen zu sein scheinen. Zeigt sich darin nicht eventuell die Tendenz, dass Mädchen sich danach sehnen aus den üblichen Geschlechterrollen auszubrechen und Gleichberechtigung einzufordern? 

Ich halte diese Erklärung teilweise nachvollziehbar, aber es hat sich bei meinen Überlegungen in anderen Beiträgen auch gezeigt, dass dies nicht vollkommen richtig sein kann. Schaut man sich nun vor allem die Persönlichkeiten der Mädchen im Vergleich zu den Jungs in diesen Manga an, erkennt man doch eine eindeutige Rollenzuschreibung. Mädchen sind meist eher passiv, zurückhaltend, widersetzen sich nicht, sondern versuchen alles, um es ihrem Liebsten recht zu machen. Dagegen werden die Jungs eindeutig zu perfekt dargestellt, sie haben keine Schwächen, während die Mädchen sich immer irgendwie minderwertig fühlen. Außerdem können sich die männlichen Protagonisten alles erlauben und haben somit die Macht inne und sind auch die aktiven und sexuell Erfahrenen. Es wäre unsinnig zu glauben, dass wirklich Unabhängigkeit der Mädchen erreicht wird, zumindest nicht in den typischen Shojo Manga. Vielmehr zeigt sich hier eher eine Festigung von bestimmten Rollenklischees und auch gesellschaftlichen Erwartungen an die Mädchen, wodurch man behaupten könnte, dass Mädchenmanga eher die Leserinnen zu idealen Mädchen erziehen wollen. 

Man muss dem aber entgegen halten, dass hier ja zwei verschiedene Genre behandelt werden. Die sogenannte Gleichberechtigung oder zumindest der Versuch wird also bei den Boys Love Manga versucht, doch die "normalen" Shojo Manga lassen dies nicht durchschimmern. Insofern könnten Boys Love Manga als eine Art Abweichung darstellen, wobei das auch nicht ganz stimmt, denn es wird ja nicht wirklich von den Rollenklischees abgewichen, da zwei Jungs im Vordergrund stehen. Es ist Wunscherfüllung und insofern noch im Rahmen, da es eben nicht Mädchen und Junge sind, die als Figuren dienen. Es stellt eine Art Kompensation dar, die jedoch gegen keine Geschlechternormen verstoßen. 

Magical Girl - Unabhängigkeit und Kampf für die Gerechtigkeit


Als letztes wichtiges Thema möchte ich ein weiteres Subgenre der Mädchenmanga ansprechen, was wie schon eingangs erwähnt, immer mehr an Bedeutung abnimmt. Die Rede ist von dem Genre, in dem die Mädchen magische Kräfte erwerben und dann für die Liebe und Gerechtigkeit gegen das Böse kämpfen. Auch hier fließen dann wieder die Themen Liebe, Freundschaft, Alltag etc. mit hinein gepaar aber eben mit den übernatürlichen Komponenten und auch der Kampfthematik. Ähnlich wie vielleicht auch bei dem Subgenre Boys Love sehen wir hier eher eine Art Befreiung der Mädchen und Frauen und dem Streben nach Unabhängigkeit. Die Mädchen sind zwar eigentlich alle normal, bekommen aber besondere Kräfte und werden dafür auserwählt, die Welt zu retten. Sie werden also Superhelden, sind aber nicht unbesiegbar oder unverletzbar wie die Superhelden in Comics oder Märchenhelden. Endlich mal werden Mädchen nicht als passiv dargestellt, sondern nehmen ihr Schicksal aktiv selbst in die Hand. Sie sind nicht auf Männer angewiesen, sondern kämpfen allein. Außerdem sind es gerade ihre Gefühle, was meist doch eher als Schwäche angesehen wird, die ihnen Kraft fürs Kämpfen geben.  Es ist interessant, dass gerade in den Subgenres Magical Girl und Boys Love eine größere Abweichung von gängischen Geschlechterrollen und klischees vorgenommen wird als im typischen Alltagsmädchenmanga. Ich denke es hat einfach etwas mit dem Inhalt und dem Setting zu tun. Magical Girl ist eben fantastischer ausgelegt und darf sich daher mehr erlauben. Genauso Boys Love, die zwar im normalen Alltag spielen, aber gerade eben durch die Homosexualität eine Randerscheinung der Sexualität darstellen, bei der Experimente erlaubt sind.


Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass gerade die alltäglichen Geschichten in den Shojo Manga so beliebt sind, weil sie eben näher an dem Alltag der Leserinnen sind und dennoch so reizvoll sind, weil sie gewisse Fantasien und Wünsche offenbaren und auch erfüllen können. Es ist also die Spannung zwischen Alltag und Wunscherfüllung, die das Genre so lesenswert machen. Hinzu kommt eben auch die Beschäftigung mit den Themen, die uns auch im Alltag sehr vereinnahmen. Diese Themen sind so grundmenschlich und wichtig für uns, dass wir uns daran nicht satt lesen können, was auch erklärt, weswegen jeder zweite Shojomanga nicht vom Rest zu unterscheiden ist.  

Mädchenmanga werden gerne gelesen, weil sie auch eine Art Realitätsflucht darstellen und uns an die wahre und ideale Liebe glauben lassen. Sie geben Hoffnung und vielleicht auch Orientierung für die jungen Mädchen, die noch keine Liebeserfahrungen machen konnten. Andererseits bieten Shojo Manga eben noch andere Geschichten, die dann aus einem anderen Kontext fesseln können. Hier ist es eher die deutliche Abkehr von der Realität oder die Abweichung der Normen der Gesellschaft. Dominierend sind die Experimente mit Geschlechterrollen, sowie aber auch die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau, die wir gerade in den typischen Mädchenmanga vermissen.
Was haltet ihr von diesem Thema? Stimmt ihr zu oder habt ihr Einwände oder weitere Themenvorschläge für Mädchenmanga?

Kommentare:

  1. Dadurch kommt es, dass Männer die 'schwachen' Arbeiten vernachlässigen, weil sie ja nicht in Frauenrollen gedrängt werden wollen. Das geht schon in der Grundschule los. Mädchen schreiben meist längere Aufsätze in schöner Schrift in gepflegten Heften, Jungs haben die Sauklaue vorm Herrn und eher ein Chaos an zerknülltem Papier. Erst, wenn es langsam beruflich wichtig wird, also Richtung Ausbildung, Abitur, Studium - also sobald der Leistungsgedanke zählt, holen die Jungs wieder auf, denn es geht ja um die Karriere - und der erfolgreiche Geschätsmann, der in die Wirtschaft, Politik oder ins Rechtssystem gehen möchte, braucht ein korrektes Aussehen. Das ist dann vielleicht auch der Grund, warum dann an der Universität die Kapuzenpullis mit Jeans und Zottelfrisur allmählich aussterben und Anzüge mit Stöcken im A* herangezogen werden. Mehr Schein als Sein - die Blender. (Ein Grund für gutes Aussehen, aber in Wahrheit mieser Charakter, es geht nur um den Eindruck und das Auftreten, Inhalt zählt kaum. Leider)

    Was ich zum Beispiel feststellen musste war, dass Mädchen wie von selbst viel schreiben und ich daher auch motiviert wurde/werde, selber mit dem Schreiben nicht nachzulassen, während diverse Typen sich nur dann Mühe geben beim Schreiben, wenn es um eine Benotung, eine Zensur oder Geld oder sonst einen Zweck geht. In der Freizeit fallen diese 'männlichen Maulhelden' gerne in eine seltsame Degeneration im schriftlichen Ausdruck zurück, die im krassen Gegensatz zu ihrem eigentlichen Können steht. Erst, wenn sie dann wieder damit etwas erreichen können, also Buch=Geld=Ansehen, wird sich wieder Mühe gegeben. So mein Eindruck. Schreiben als Kultur zu pflegen, ohne wirtschaftliches Nutzdenken scheint eine Position zu sein, mit der ich ziemlich alleine dastehe. (Und im Übrigen ging es da wohl auch Männern in früheren Zeiten so, wenn nicht gar schlimmer. Einer der Gründe, warum so viele fantastische Bücher entstanden sind, war ja der vermeintliche Geankengang: Ich werde eh nicht ernstgenommen, es ist nur Hobby, wird kein Geld einbringen, also gehe ich keine Kompromisse ein und schreibe ehrlich mein Ding runter. Dass genau das dann erfolgreich wird, weil Menschen Ehrlichkeit und Qualität und Charisma schätzen - auch in einer konservativen Gesellschaft - ist wiederum bemerkenswert verdreht.

    Von der ersten bis zur zehnten Klasse wurde ich zwar nicht gehänselt, aber es war schon so, dass man mich schräg angeschaut hat, weil ich so viel lese. Jungs spielen eigentlich Fußball, basteln, schrauben, zocken etc. Erst in der elften Klasse bin ich dann wirklich auf andere Jungen gestoßen, die gerne lesen, und das war auf dem Gymnasium. Zu anderen Freunden, die auf der Realschule waren hatte ich dann plötzlich immer weniger Bezug, da prallen dann irgendwann Welten aufeinander. Versuch dich mal als Junge zu erklären, warum du dann doch lieber Zuhause bleiben willst und dir das Getippe auf dem Smartphone auf irgendeiner Party, wo sich alle besaufen und keine tiefgründigen Gespräche stattfinden auf die Nerven geht, weil die Musik viel zu laut ist.
    [Teil 2]

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  2. In der Spätphase der Abiturlernerei und dann auf der Uni ist das alles kein Thema mehr, dort sind alle belesen, alle schlau - aber immer nur dann, wenn es einen Nutzen bringt. Ist es nicht die Seminarlektüre oder der Beitrag zu einem Vortrag auf dem man sich profilieren möchte, findet Beschäftigung mit dem Inneren nicht statt. Ich sage extra niemandem, dass ich privat durchaus Tagebuch schreibe, um mich nicht angreifbar zu machen (auch hier wieder der Witz: Bist du profilierter Karrieretyp, dann wollen natürlich alle die Tagebücher vom Mann von Welt lesen. Die Buchhandlungen sind voll von männlichen Autoren, die in mir Ekel hervorrufen)

    Und da ich schon immer so seltsam beäugt wurde, weil ich ja so viel lese, hänge ich es auch nicht an die große Glocke, dass mein Lieblingshobby (vielleicht gar der Zweck meines Daseins) das Schreiben ist. Ich weiß nicht recht, wieso es diese Gemengenlage gibt, aber ich könnte beispielsweise nie klassische fanfictions schreiben und dann auf twitter und anderswo herumposaunen, was meine geheimsten sexuellen Gedanken sind. Diese Offenheit wurde mir nie vemittelt und beigebracht. Der Grund, warum ich bei all dem trotzdem kein Zyniker geworden bin, liegt daran, dass Künstler und Wissenschaftler ja das alte 'Männlichkeitsbild' in der Art von James Bond und anderen dekonstruieren und neue Role Models angeben. Es macht auch durchaus Sinn, da die gängigen Gender Klischees der Schwachsinn überhaupt sind. Dennoch nutzen die Medien es weiterhin. Jungs in blauer Babykleidung, Mädchen in rosa. Jungs mit Dinos, Fußball, Werkstatt, Mädchen mit Prinzessinenkrone, Pferden und Mode. Jungs mit kurzen Haaren und als harte coole Kämpfer, Mädchen mit langen Haaren, sittsam und eher klassisch weich. Ich kriege jedesmal so einen Hals, wenn ich sowas sehe.

    Zum Glück kenne ich die Alternativen. Die Hingabe mit der Zdenek Miler noch in hohem Alter den kleinen Maulwurf gemalt hat, die Schwärmerei von Goethe und Eichendorff, und in neuerer Zeit diverse Männer aus den Bereichen Musik, Schauspiel, Videospiele, Geeks, Nerds … Autoren, Zeichner etc. Und dann natürlich Shakespeare. Und hier komme ich von Sozialisation und Männlichkeit zum Thema, wie ich mit Liebesgeschichten generell umgehe.

    Um ehrlich zu sein, haben mich Liebesgeschichten lange Zeit überhaupt nicht interessiert. Einmal, weil es mir so vorgelebt wurde von allen Seiten, und dann, weil diverse Liebesgeschichten tatsächlich recht platt sind (man lernt sich kennen, kommt zusammen, kommt auseinander und am Ende geht es doch ins Happy End, und wenn sich nicht gestorben sind ...)

    Dass ich mittlerweile auch Liebesgeschichten ganz interessant finde - auch wenn ich nicht gezielt nach Shojo suche (oder anderen Büchern, Filmen, Serien, Videspielen) - liegt wohl an meiner puren Neugierde und an Zufällen. Generell suche ich nicht direkt nach Liebesgeschichten, weil ich mich zunehmend Arthaus und Weltliteratur von allen Genres zuwende - egal, um was es inhaltlich geht. Ich bin nicht mehr nur auf ein oder zwei Genres fixiert, sondern sauge alles auf, wobei ich mich gerne treiben lasse und nach Möglichkeit nur die höchste Qualität suche, weil mich der Rest nicht überzeugen kann.
    [Teil 3]

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  3. Mein Interesse für Liebesgeschichten kam wahrscheinlich durch die Filme "Notting Hill", "Kate und Leopold"(mit Hugh Jackman), und "Casanova" (mit Heath Ledger). Im Prinzip kann man also sagen, haben mich Wolverine und Joker zu Liebesfilmen/komödien gebracht. Einfach, weil ich so von den Schauspielern überzeugt war, dass ich mir dachte, ach Schwamm drüber, es muss nich immer düster und episch sein. Außerdem kommt hinzu, dass ich ein Fan von Titanic bin, vor allem die erste Hälfte, ich liebe ausgefeilte Dialoge und Dramen in realistischer Ausprägung. (Wahrscheinlich der Grund, warum ich so langsam mit der Weltliteratur Fuß fasse - ich sage nur Dostojewski)

    Und dann ist es ja auch Fakt, dass in vielen Fantasy, Science Fiction oder Krim - Handlungen, Liebesgeschichten so nebenher mit eingebaut werden. Wenn auch eher recht behäbig und seltsam konstruiert (als hätten die männlichen Drehbuchschreiber kaum Ahnung davon) Auch Twilight habe ich nur deshalb gelesen und gesehen, weil ich mit meinem Bruder beim dritten Teil im Kino war (er war da Fan, und ich hatte nichts besseres zu tun) Hinterher wollte ich dann einfach aus Interesse die Zusammenhänge wissen und war von den Büchern und dann vor allem den ersten beiden Filmen echt angetan. Der dritte Film hat mich dann enttäuscht (ebenso das vierte Buch, weshalb ich mir 4.1 und 4.2 als Filme bis jetzt noch nicht angesehen habe)

    Dazu muss ich noch sagen, dass ich weder bei Fantasy, noch bei Liebesgeschichten oder irgendwas sonst, der totale Überfan bin, der über alle Schwächen hinweg sieht oder hyperventiliert und auf Conventions fährt und rumkreischt. Schätze, da schlägt mein ruhiger Charakter durch. (Wie sonst habe ich es als Hardcore Fantasy Fan, der Game Of Thrones im Regal stehen hat - Schuber mit fünf Bänden auf Englisch - es bisher nicht geschafft, mehr als hundert Seiten davon zu lesen?) Auch habe ich kein Problem mit technischen Unzulänglichkeiten, also etwas älterer Schreibstil oder ältere Zeichentechnik, schlechte Charakterentwicklung, weil das Kreative Schreiben noch nicht so weit war etc.

    Bei Twilight habe ich mich nicht in Lagerkämpfe begeben, sondern war generell eher fasziniert von unterschiedlichen Charakteren, weil diese gut ausgearbeitet waren. Und gerade bei den ersten beiden Filmen war ich Fan der Farbgebung, der Kamera, dem Einsatz von Musik, der Atmosphäre. Nur irgendwie hat wohl außer mir kaum einer auf diese Punkte geachtet - ich habe immer das große Ganze im Sinn.

    Und von da war es ja nur noch ein kleiner Schritt, auch einfach mal so Liebesgeschichten zu lesen/ zu sehen. Bislang habe ich da noch nicht viel auf dem Konto, was einmal daran liegt, dass ich in einer Geschichte nicht nur auf einen Aspekt wert lege und weil ich mittlerweile eher mehr Anspruch haben will als früher. Das trifft übrigens auch auf Genre zu, die ich eigentlich mag. Und eine natürliche Entwicklung ist es unter Umständen auch nicht, denn ich entwickle mich nicht einfach von Shonen zu Seinen, sondern ich schaue einfach alles, nicht nur Kunst wie Tenshi No Tamago und Mushishi, sondern auch Comedy wie The Devil Is A Part Timer oder abgedrehtes Zeug wie Gatchaman Crowds, ästhetisch ansprechende Sachen wie das K Project oder Serien / Filme, die mich spontan anlachen.
    [Teil 4]

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  4. Meine persönlichen Buch-Highlights in Sachen Liebesstories sind bislang folgende drei Werke (und die lege ich jedem anderen männlichen Leser ans Herz, denn sie sind wirklich atemberaubend gut):

    Goethe - Die Leiden des jungen Werther (da fragt man sich, ob es denn auch Männer gibt, die über männliche Charaktere schreiben, die ihre Gefühle offenbaren, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, und dann gibt es das tatsächlich schon seit 1787 … :D) Kein Schnulzenautor von heute kannn mit Goethe mithalten. Dieses empfindliche Männerbild bis hinein in den tragischen Suizid hat mich echt begeistert - im Sinne der Darstellung.

    Shakespeare - Viel Lärm um Nichts
    Benedikt und Beatrice (ich liebe diese Dialoge) Außerdem ist das eine herrlich komplizierte Durchmischung von Charakteren und Intrigen. Ich habe hier den Film mit Kenneth Branagh und Emma Thompson im Regal stehen. Es ist einfach wunderschön

    Emily Bronte - Sturmhöhe
    Ist jetzt eines meiner Lieblingsbücher, Emily muss meinen Charakter gehabt haben, denn es steckt soviel Sarkasmus, Bosheit und Leidenschaft in der Geschichte, und es ist so verdammt echt, mit Saufen, Zocken, religiösen Dogmen, häuslicher Gewalt, der Rauheit des Landes. Alles da, ungeschminkt und kunstvoll durch zwei Ich-Erzähler dargeboten. Einmal als Rahmenhandlung, einmal als Erzählung aus erster Hand. Außerdem ist es die einzige Liebesgeschichte, die ich kenne, in der ein Liebender eine Leiche ausbuddelt und in den Arm nimmt, per Zufall das Kleinkind seines besoffenen Erzfeindes auffängt, bevor es auf dem Boden zermatscht, dann noch anfängt, Eheschließung, Nachwuchszeugung etc. nur auszuführen, um seinen Widersachern maximalen Schaden zuzufügen. In einem widerlichen Sinne auch schön ist das Einsperren und Schlagen von Frauen, um eine Zwangsheirat durchzuführen, damit das Erbe an den Bösewicht fällt. Sturmhöhe ist so durch, aber in den besten Momenten glüht die Leidenschaft zwischen Catherine und Heathcliff und sprengt einfach alle Sittlichkeit, Ehegelübde und sogar den Tod.

    In letzter Zeit in Erinnerung geblieben ist mir der Jim Jarmusch Film "Only Lovers Left Alive" der mir sehr gut gefallen hat. Generell bin ich ein ziemlicher arte Suchti und schaue mir da immer wieder Sachen an. Aber die meisten Sachen können einfach nicht mit Sturmhöhe mithalten, ich schätze, das war so ein eins in tausend Fällen Erlebnis. Und wenn es um Anime geht, bin ich ein Fan von Makoto Shinkai, vor allem "The Promise We Made in Our Early Days". "The Garden of Words" war ebenfalls schön.

    Die meisten Romanzen wecken bereits beim Durchlesen der Beschreibungen nicht mein Interesse. Ich suche immer nach diesem speziellen Etwas. (Wie gesagt, schaue ich auch nicht mehr einfach so jedes Fantasy oder Actionzeug) Also gehe ich mal davon aus, dass ich, wenn ich weiblich und nicht männlich wäre, dir wahrscheinlich ähnlich gewesen wäre. So wie du überwiegend Shojo schaust/liest, war ich oder bin ich überwiegend bei Fantasy Sachen - bemerke jedoch zunehmend die Muster und halte nach subtileren Dingen Ausschau. Auch ganz wichtig für mich ist: erwachsen und reif ist nicht gleichzusetzen mit Folter, Blut, Porn, Psycho/horror mit Hardcore Elementen. Da bin ich unlängst über so einiges gestolpert. Jetzt nicht unbedingt Liebesromanze, aber sagt dir der Manga Sprite etwas? Schwarze Schneeflocken rieseln vom Himmel, und Oberschülerinnen, ein Typ, der zehn Jahre nichts gemacht hat, außer ein Computerspiel zu zocken und einige andere, erleben in einem Hochhaus mit, wie sie von einem schwarzen Zeittsunami überrollt werden. Kafkaeske Rieseninsekten in bedrohlichen Umgebungen, Kinder mit den Gesichtern von Greisen und Zeitreisen inklusive :D
    [Teil 5]

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  5. [Hmm, ist der Kommentar verschwunden? :( - sollte eigentlich schon am 07.02.17 auftauchen. Irgendwie verwirrend, dass gerade Teil 1 fehlt :D]
    (Info: Eigentlich wollte ich den Kommentat zum Beitrag von 2013 - typisch Shojo-Manga posten. Da der aktuelle Eintrag aber in eine ähnliche Richtung geht, und meine Gedankengänge dazu wohl auch passen, poste ich es hier. Sieh es als Kommentar zu beiden Beiträgen)

    Hallihallo, ein männlicher Leser, bereit, seine Meinung kundzutun, steht bereit! Ich schätze, es passt auch sehr gut, da ich mit dem typischen 'männlichen Denken' der klassischen 'Männlichkeit' bestens vertraut und mittlerweile Open Minded gegenüber allem bin, sowie mir mühsam die Fähigkeit zum umfassend analytischen Denken angeeignet habe. Um meine Beziehung zu Shojo und vielmehr 'Liebesgeschichten' im Allgemeinen zu erklären, muss ich etwas länger ausholen.

    Ich bin das genaue Gegenteil von dir, war also als Junge lange in der Ecke Fantasy, Science Fiction, Abenteuer unterwegs. Da habe ich meine Schwächen und sehe über mittelmäßige Qualität hinweg, so wie du bei Shojo ein Auge zudrückst. Dazu kommt, dass ich ja auch 1993 geboren wurde und den Hang habe, mich mit Büchern (Manga, Anime, Filmen, Serien) in eine stille Ecke zurückzuziehen und das alles in mich aufzusaugen.

    Ich könnte den Artikel, von der Art her, wie du ihn geschrieben hast, vom Prinzip her mit dem Fantasy Genre durchführen, und dort Schwächen (der Waisenjunge, der die Welt rettet; das Wirtshaus als Questgeber; das Böse, das böse ist, weil es böse ist etc.) und angenehme Gewohnheiten ("guilty pleasure") auflisten. Nach meiner Überzeugung spielen zwei Dinge in das Konsumverhalten mit rein. Das erste und wichtigere ist der persönliche Geschmack (der sich gegen alle Schranken letztlich durchsetzt), das zweite die Sozialisation, in der man aufwächst. In meinem Fall komme ich aus einer atheistischen Familie mit jeder Menge Viellesern. Sich zum Lesen zurückzuziehen war für mich schon als Kind normal. Deshalb sind wohl heute noch Freitag und Samstag meine Lieblingstage, weil es bedeutet, dass ich den ganzen Abend und bis tief in die Nacht lesen oder Serien schauen oder zocken kann.

    Ich bin momentan 23 Jahre alt und kann nur das wiedergeben, was meine eigenen Erfahrungen anbelangt, und was ich durch Statistiken und Faktenwissen dazugelernt habe. Es scheint so zu sein, dass der Anteil männlicher und weiblicher Autoren sich erst mit gesetztem, reifen Alter ausgleicht, also jenseits der 30 Jahre. Davor dominieren Frauen, und Männer scheinen eher lese- und schreibfauler zu sein in der Tendenz. Dazu kommt, dass Männer, wenn sie dann ins Schreiben einsteigen, schon einen Beruf hinter sich haben und Fachwissen mitbringen. Solche Schwärmereien interessiert diese alten männlichen Autoren nicht. Sie lesen und schreiben direkt Biographien, Sachbücher, technisch ausgefeilte Science Fiction oder komplexe historische Romane und Krimis.

    Ich führe es auf die klassische konservative Gesellschaft (Patriarchat) zurück, mit dem Mann als Familienoberhaupt und Ernährer, der 'männlich', das heißt fit, strebsam und herrisch sein muss, um erfolgreich in der Abreit auftreten zu können. So ein Hobby wie Schreiben über Gefühle wird dann wohl als Duselei gesehen, als 'schwache' Arbeit ähnlich wie Stricken, Nähen oder Kochen (hier die erste Ironie, die Profiköche mit Sternen sind dann in den Medien wieder meist männlich - weil Macht und Autorität und Prestige und so)
    [Teil 1]

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  6. Alltag, Wunscherfüllung, Phantasie, Realitätsflucht, Klischees, Befriedigung von Bedürfnissen eines spezifischen Leser/innen-Adressatenkreises, Konventionen und Normen eines spezifischen Genres - all das kannst du nicht nur auf Shojo beziehen, und nicht nur auf Manga allgemein, sondern auf jede Form von Literatur. Gerade im Bezug auf Feminismus, Überwindung des Patriarchats, Hierarchien usw. finde ich deine Ideen sehr interessant. Im Grunde erklären sie das ganze Phänomen der weiblich dominierten sexuell-erotischen Fanfictionsparte. Danke also für die Erkenntnisse! Weitere Themenvorschläge:
    Die hier angewendeten Schlüsselbegriffe auf Light Novels, fanfiction (vor allem auf die Manga-/ Animeabteilung), JRPG übertragen. Ansonsten: Eine solche Analyse zu anderen Sparten jenseits von Shojo. Also Shonen, Seinen, Psycho-Horror, Slice-Of Life, Erwachsenen-Serien. Und danach dann übergeordnete Vergleiche der Genres und Ableitungen, was Anime und Manga generell beinhalten - unabhängig von Genres und Zeichenstilen. (Formen von Narrativik, Ästhetik, Gesellschafts-Reflexion, Anthropologie etc.) Ok, das ist Material für die nächsten zehn Jahre :D

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